Wie? DU arbeitest Vollzeit? Oha! High functioning Depression und Soziale Arbeit

Seit neustem besuche ich eine Selbsthilfegruppe ,,Depression“. Ich war zwei mal dort und muss sagen das mir die Gruppe gut gefällt. Die Menschen dort sind mir sympatisch und ich fühle mich gut aufgehoben. Das ist schön, weiß ich doch das in der Gruppe jeder weiß was in einem depressiven Menschen los ist. Viele Schicksale, oh ja, aber jeder Mensch einzigartig. So viel dazu.

Jeder Besuch beinhaltete folgende Frage: ,, Schaffst du?“ Und da ich ja arbeiten gehe, in Vollzeit, bejahte ich immer. Dann: ,, Vollzeit? Echt? Das schaffst Du?“

Jedes Mal muss ich lachen. Zum einen weil ich mich immer Frage warum ich es denn nicht schaffen sollte. Zum anderen weil ich weiß wie Ernst gemeint diese Fragen und Aussagen sind und was dahinter steckt. Wie gelingt es einem langzeitdepressiven Menschen eine regelmäßigen Vollzeitarbeit nachzugehen. Und dann auch noch mit Menschen?Berechtigte Frage welche mir immer öfter durch den Kopf geistert. Ich kann hier nur für mich reden, jeder Depressive ist anders und hat auch andere Symptome. Aber so ,,schaffe“ ich es. Ob es gut ist, nein ich denke nicht. Aber gar nichts zu tun ist genau so beschissen!

Ich muss etwas tun!

Mal ganz davon abgesehen das irgendwie das Essen auf den Tisch kommen muss, das Auto getankt werden möchte etc. bleibt mir nichts anderes übrig. Egal wie scheiße es mir geht, die innere Stimme zwingt mich dazu. Sobald ich stillstand habe beginnt das Gedankenkarusell zu drehen und das will ich nicht. Ich will mich nicht mit abstrusen und unsinnigen Gedanken (danke Zwangsstörung, Du bist ne Sau!) befassen die nicht stimmen. Und doch rotiert die Murmel wenn nicht beschäftigt. Ich arbeite also zum größen Teil um mich abzulenken.

Der Körper ist stark, der Geist ist schwach oder manchmal umgekehrt?

Das perverse an dieser Depression ist, das Depressive regelmäßig ihre natürlichen Grenzen überschreiten. Wir nehmen nicht wahr wann es genug ist. Magenschmerzen? Vllt was schlechtes gegessen? Oder doch der Stress auf arbeit? Fartigue? Trotzdem ,,munter“ zur Arbeit gefahren obwohl man soooo verdaaaammmtt müde ist und das Hirn eigentlich gefühlt aus Wackelpudding besteht. Konzentration kann man vergessen. Man kann nicht denken. Obwohl…doch…an abstruse Sachen. Und nein, ich kann nicht einfach an was schönes denken. Dieser schwarze Sumpf in meinem Kopf ist so groß, da dauert es einfach verdammt lange ein Fleckchen zu finden an dem vllt eine Moorblume blüht. Begleitet wird das alles mit Kopfschmerzen, weil ich immer angespannt bin. Immer im Fluchtmodus sozusagen. Das frisst viel Energie. Trotzdem schleppe ich mich jeden Tag zur Arbeit. Auch wenn ich ganz oft nicht will und auch nicht kann. ,,Es geht trotzdem immer irgendwie.“

Energiespender für andere

Ich spende Energie auf Arbeit, jeden Tag. Indem ich anderen Menschen helfe, ihnen Mut mache, auch mal in den Arsch trete etc. . Ich investiere sozusagen. Und das macht mir Spaß. Aber ich merke nicht das ich für den Rest vom Tag dann kaum bis keine Energie mehr habe. Das spürt man erst auf dem Heimweg. Da ich aber jedem gerecht werden möchte werden alle Reserven angekratzt. Denn man weiß nie.

 

Wie passt das jetzt alles mit der Sozialen Arbeit zusammen? Kann ich Euch erzählen. Ich kann dadurch nicht nur mein Helfer-Syndrom ausleben sondern auch mein erlerntes Wissen praktisch anwenden. Das ist toll, denn ich habe nicht umsonst gelernt und studiert. Da möchte man auch Ergebnisse sehen. Darüber freuen kann ich mich aber nur sehr selten. Weil ich mich nicht viel freuen kann. Das liegt eben an der Depression. Nein, das heißt nicht das ich mich nie freue. Aber die Momente sind selten. Ich freue mich zum Beispiel jeden Abend darauf meinen Mann zu sehen. Oder meine Eltern zu besuchen. Aber dann fällt mir auch schon immer weniger ein. Es ist schwer. Und es ist noch schwerer Momente zu erkennen an denen man sich erfreuen könnte.

Irgendwann wird mein Körper das nicht mehr mitmachen, da bin ich mir sicher. Und ich habe auch ein wenig Respekt davor. Aber solange ,, es noch geht“ werde ich weiter machen. Im nächsten Jahr werde ich mir, nach Ablauf meines Vetrages, eine maximal 30 Stunden Stelle suchen und schauen wie sich dies mit mir Verträgt. Aber bis dahin durchhalten.

 

Die Tante

 

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Allrounder: Warum es mir nicht mehr gut tut ,,alles“ zu ,,können“

An manchem Tagen da wünscht man sich mehrere Arme, damit man die Arbeit fertig bekommt. Praktisch, hm? Vielleicht noch ein zusätzlicher Kopf, dann geht das denken 2 Mal so schnell. Herrlich! Habe ich bis jetzt immer gedacht. Mir oft mehr Arme gewünscht um noch mehr fertig zu kriegen. Einen Zweiten Kopf um mir noch mehr merken zu können.

Ich bin so müde. Und fertig. Und ich will das nicht mehr. Will nicht noch mehr Arbeit erledigen und mir alles merken können. Will nicht hin und hergeschoben werden nur weil ich ,, so vielseitig“ bin. Will mir nicht über alles mögliche Gedanken machen müssen.

Call me Post It

Ich fühle mich im Moment wie ein laufendes Notizbuch, das sich alles merken muss, damit alles so glatt wie möglich läuft und gute Ergebnisse auf Arbeit abgeliefert werden können. Versteht mich nicht falsch, wir leisten gute Arbeit mit Ergebnissen, die sich sehen lassen können. Und trotzdem ist es nie genug, oder es wird so lange gesucht bis man etwas findet was in unserer Arbeit ,,optimiert“ werden kann. Immer Besser, immer mehr. Es wird viel von meinen Kollegen und mir gefordert, was wir gar nicht erfüllen können, aber es tun sollen. Das ist sehr anstrengend.

2 Welten prallen immer wieder aufeinander

Wer den Blog liest weiß das ich eine Soz.Päd. bin welche schon mit vielen Menschen gearbeitet hat. Von 0 bis 99 Jahren war alles dabei. Heute arbeite ich mit erwachsenen Menschen. Macht Spaß, ist eine tolle Arbeit. Die Kommunikation, das Erforschen des Backrounds, die Problemlösung und der Beziehungsaufbau zu meinen Kunden ist spannend, abwechslungsreich und erfüllend. Hier kann ich pädagogisch aufgehen. Meistens jedenfalls. Leider sind viele der pädagogischen Ansichten und Methoden nicht jedermanns Sache. Ich möchte hier nicht bin tiefer gehen, aber so viel:  Erfahrungen und Meinungen sind individuell und man kann diese nicht über andere Menschen stülpen. Genau so kann man nur sehr schlecht damit arbeiten. In der Pädagogik gilt es jeden Menschen als Individuum zu sehen welches man nicht nach Schema F behandelt.

Ich weiß, diejenigen die zwischen den Zeilen lesen können wissen was ich meine.

Ja/Nein/Vielleicht?

In einer Umgebung zu leben, und ja man lebt auf Arbeit da man zwischen 8 und 10 Stunden pro Werktag dort verbringt, die ambivalent ist macht auf Dauer keinen Spaß. Je nach dem welcher Typ man ist geht es schnell mit dem Anpassen oder auch nicht. Ich habe mich lange genug angepasst und habe jetzt keine Kraft mehr. Ich möchte nicht geplante Aufgaben/Vorhaben über Bord werfen weil sich der Wind gedreht hat. Ich möchte an meiner pädagogische Arbeit keinen Abstriche machen nur um Ergebnisse liefern zu können. Ich möchte meine Arbeit gut machen und dafür wertgeschätzt werden und nicht noch gesagt bekommen was noch optimiert  werden kann/sollte. Es ist unglaublich anstrengend wenn man nicht weiß ob man jetzt ,,richtig“ oder ,,falsch“ arbeitet und ob das was heute gut war morgen nicht schon total doof ist.

Fräulein Rücksicht…NICHT!

Beratend zur Seite stehen: ja! Hier und da aushelfen: ja! Für andere Mitdenken und dabei auch noch freundlich und höflich bleiben: NEIN!! NEIN NEIN NEIN NEIN KEINE LUST MEHR!!! Tante Vanja ist der letzte Mensch der Hilfe verweigert, jeder kann gerne zu mir kommen. Gemeinsam kann man viele Probleme besser lösen als allein. Aber ich bin kein Roboter. Ich kann und will auch nicht mehr für andere mitdenken. Das ist nicht meine Aufgabe. Und trotzdem passiert es, trotz Erinnerung, vorleben oder auch ignorieren(was es nur noch schlimmer macht!) das ich einfach übersehen werde. Bestimmt nicht mit Absicht, trotzdem unschön. Schon simple Dinge wie der vergessen  des regelmäßiges Notieren des Arbeitsalltags kann dann zu einen Zeitfresser werden. Oder Aggressor, je nach dem was als Rattenschwanz noch drang hängt.

Ich werde nicht mehr für andere mitdenken. Wer nach einer deutlichen Ansage immer noch nicht kapiert hat das EIGENVERANTWORTUNG zum Berufsbild gehört, dem ist auch nicht mehr zu helfen. Und helfen werde ich nicht mehr.

 

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Im Moment geht es mir so wie der Puppe im Bild. Durch das Arbeiten an vielen Fronten lagert sich immer mehr das Gefühl der Belastung ab. Und es verschwindet nicht mehr. 2 Tage Wochenende sind zu kurz um sich zu erholen.

Darum mein Beschluss, an dem ich heftig arbeiten muss: Ich will kein Allrounder mehr sein. Ich will nicht mehr überall einsetzbar sein. Dadurch biete ich zu viel Angriffsfläche und halse mir nur noch mehr Arbeit auf. Ich bin nicht mehr gewillt meine Gesundheit für einen Arbeitsplatz zu opfern.

Tante Vanja ist müde.