Manic Monday: Tante Vanja im Altenheim

Häää? Altenheim? Du?

Jaaaa, ich. Tante Vanja hat tatsächlich 2 Jahre in einer Tagespflege für Demenzkranke gearbeitet. Da schaut Ihr nicht schlecht, hm? Ich bin erst durch diese Jahre zu meinem heutigen Beruf gekommen. Es begann harmlos mit einem FSJ und weitete sich dann in ein folgendes Jahrespraktikum für die FOS aus. In diesen 2 Jahren habe ich nicht nur viel über Pflege gelernt sondern auch tolle Menschen kennen gelernt.

Ich habe mir gedacht, dass ich heute ein paar meiner liebsten Geschichten erzählen möchte. Manche sind lustig, manche sind traurig. Manche sind alles zusammen. Jeder Tag war anders und spannend. Aber jetzt will ich Euch nicht länger hinhalten. Ach ja, aus Gründen des Datenschutzes sind alle Namen* und Orte abgeändert worden! =)

 

Maya* dät a mal gerne figge!

Ja, richtig gelesen. Manche Damen und Herren hatten es faustdick hinter den Ohren… oder eher in der Hose? Jedenfalls schien Maya* nicht nur in jungen Jahren sehr spannende Abenteuer erlebt zu haben sondern auch im stolzen Alter von 82 nicht darauf verzichten zu wollen.  Schon sehr weit in ihrer Demenzerkrankung saß sie oftmals stumm im Rollstuhl mit ihrem Kuscheltier auf ihrem Schoß.  Mit diesem unterhielt sie sich ab und zu.

Ein typischer Tag, Mittagsruhe. Es ist so still, man könnte eine Stecknadel fallen hören. Alle dösen ( nein, meine Kollegen und ich leider nicht) vor sich hin. Nur Maya war irgendwie sehr munter. Plötzlich reißt sie die Hände nach oben ( das Kuscheltier in typischer König der Löwen Pose), fängt schallend an zu lachen. Auf die Frage über was sie so sehr lachen muss setzt sie das Kuscheltier wieder auf ihren Schoß und kreischt: ,, Hia gibt´s kaa gescheide Männer. Ich dät a mal gerne figge. So rischtig figge…..“ Innerlich bin ich fast gestorben vor lachen. Das die anderen Besucher nicht an einem Herzinfarkt vor schreck gestorben sind wundert mich bis heute noch. Aber eins hab ich von Maya gelernt: ,, Wenn a Mann nix in de Hos hat, dann kann ma net ordentlich ruggele!“

Katharina pflückt Blumen

Katharina war eine fast 80 jährige Dame welche ebenfalls schon in einem etwas fortgeschrittenem Stadium der Demenz war. Im Gegensatz zu Maya war sie aber mobil, kommunikativ und hatte anscheinend auch viel Spaß in der Tagespflege. Auch sie hatte ein Kuscheltier. Das saß auf dem Tisch vor ihr. Sie polierte die Glasaugen des Tieres immer mit ihrer Spucke. ,, Putzi“ sollte eben ordentlich aussehen.

Immer kurz vor Feierabend (ca. 16:30) wurden alle unruhig. Die Busse würden jetzt kommen und sie wieder Heim fahren. Für Katharina immer ein Fest! Warum? Weil sie dann zurück zu ihren Eltern fuhr. Katharina lebte im festen Glauben das sie gleich mit Ihrem Vater Blumen pflücken gehen würde. Da würde sich die Mutti sehr freuen.

Jeden Tag erzählte sie von ihrem Vater ( der Oberforstwart war) und der Mutti, die immer so leckeren Kuchen backte. Jeden Tag gab es Kuchen und Blumen für die Mutti. Keinen einzigen Tag habe ich erlebt das Katharina nicht für ihre Mutti Blumen pflücken war oder der Oberforstwart nicht einen Spaziergang mit seiner Tochter unternommen hätte. Ich hoffe, dass Katharina sich ihre Liebe für ihre (schon lange) verstorbenen Eltern noch lange bewahren konnte.

Für Elsa geht die Sonne auf

Elsa war eine sehr gepflegte und feine Dame. Als ich sie kennen lernte konnte sie noch laufen und sprechen. Elsa litt an Alzheimer und Parkinson. Über die 2 Jahre hinweg musste ich mit ansehen wie diese starke Frau langsam mehr und mehr verschwand. Bis sie eines Tages nicht mehr Sprach, nicht mehr lief und auch nicht mehr selbstständig aus. Sie war mürrisch ( was verständlich war: wer will sich von nem Jungspunt eine Windel anlegen lassen?) und auch aggressiv. Und sie lachte nicht mehr.

Elsa liebte Musik. Und sie sang immer so schön. Da wir 2 Mal in der Woche Musikstunde ( mit Klavierbegleitung!) hatten, schob ich sie immer in die erste Reihe. Anfangs summte sie nur mit, später kamen die Worte. Sobald die Musik verklang, verebbten auch ihre Worte. Und die Emotionen.

Mir war klar das es immer schwieriger werden würde zu Elsa durchzudringen. Aber ich kann mich an einen Tag erinnern, da hatte sie es von alleine geschafft durch den Nebel ihres Alzheimers zu dringen. Eigentlich hatte sie keinen guten Tag, dementsprechend brummelig war sie als ich sie beim Klavier parkte.  Wir fingen also an zu singen und ich beobachtete sie. Nichts. Das Gesicht war erstarrt wie eine Maske ( was unter anderem am Parkinson lag). Und dann… plötzlich. Kam leben in sie. Sie hob die Arme und schaute zum Eingang des Raumes. Ich sah ebenfalls hin. Dort stand ein Mann um die 45 Jahre alt. Er ging auf Elsa zu, hockte sich vor sie. Und Elsa? Die lachte. Sie lachte und zeigte so viel Freude, streichelte den Kopf des Mannes. Es war ihr Sohn. Sie erkannte ihn. Diesen Moment werde ich immer in Erinnerung halten. Er war einfach Wunderschön!

Durch die Hos musses!!!!

Lina war schon recht dement und ging mit einem Rollator. In der Mittagspause saß sie immer in ihrem Sessel und döste vor sich hin. Nun gibt es etwas, dass sich Toilettentraining nennt. Um feste Zeiten begleiten wir die Besucher auf´s WC um sich ,, frisch zu machen“. Gegen 14:00 wollte ich Lina bitten mitzugehen. Sie sah mich an. ,, Frau Lina, kommen Sie doch mit zum frisch machen. Bald gibt es Kaffee!“ (Immer um 15:00, immer mit Kuchen,yeah Baby!) Lina ging nicht gerne mit zum frisch machen. Teils weil ihr Schamgefühl es nicht so zu ließ, teils weil sie auch nicht mehr wirklich spürte wann sie auf Toilette musste.

Aber an diesem Tag  war sie so komisch kooperativ. Fast schon unheimlich. Sie stand auf und lief bis zur Mitte des Raumes. Dort blieb sie stehen. Ich: ,, Kleines Päusschen?“ Lina ,, …..“ ,, Na bitte schön der Weg ist frei. Wir haben ein ganzes Bad nur für uns Zwei!“ Lina ,, …….“ ,, Alles okay Frau Lina? Brauchen sie Hilfe?“ Lina ,, HAHAHAHAHAHAHAH!“ Tierischer Lachanfall. Etwas irritiert lachte ich mit. Um im nächsten Moment fassungslos auf diese Frau zu starren.  Als ob man den  Wasserhahn aufgedreht hatte pullerte sie los. Da sie einen Rock trug konnte man es besonders gut sehen. Durch die Windelhose, durch die Strumpfhose… auf den Teppichboden. In einer Menge die jedem Elefanten alle Ehre gemacht hätte. Da stand sie nun. Lachend und pullernd. Und ich? Ich musste einfach mit lachen.

Nachdem sie fertig war lief sie in aller Seelenruhe an mir vorbei zum Bad. Als ob nichts gewesen wäre. Nachdem ich den Putztrupp gerufen hatte ging ich mit ihr zum umziehen. Dieses Bild werde ich mein Lebtag nicht mehr vergessen. Durch die Hos musses!

Bis die Gebisse krachen!

Katharina, die immer Blumen pflückte für ihre Mutti, hatte sich verliebt. In Otto. Otto war ein fast 2 Meter großer Mann mit riesigen Händen.. und Demenz. Ich mochte Otto sehr. Er war so liebenswert und fürsorglich. Was vielleicht auch daran liegen mag das er mich für seine Enkeltochter hielt. Damals nachvollziehbar denn ich war 17.

Otto war verheiratet und wurde von seiner Frau immer zur Tagespflege geschickt damit sie entlastet wurde. Und weil Demenz manchmal die seltsamsten Blüten trug war Otto der festen Überzeugung das Katharina seine Frau war.  Das Heimfahren war immer ein Drama, denn beide fuhren in unterschiedlichen Bussen. Otto regte sich dann immer so auf das man seinen riesigen Pranken ausweichen mussten (einmal abbekommen, ich hab gedacht der haut mit den Unterkiefer aus dem Mund!!!!). Ich verstand warum, in seiner Welt war Katharina seine Frau. Warum sollten sie denn voneinander getrennt werden? Beide taten mir dann manchmal leid.

Aber solang beide in der Tagespflege zusammen waren, ja dann wurde es total romantisch. Sie saßen nebeneinander, hielten Händchen. Katharina sagte immer ,, Mein herzensguter Mann!“ oder ,, Mein Schatzi Du!“ Otto gluckste dann vor sich hin. Und wenn sie ganz arg verliebt waren haben sie auch rumgeknutsch. Ich bin immer dafür das auch alte Menschen ihre Liebe und Sexualität ausleben sollten. Aber damals war ich 17, noch keine Pädagogin und einfach nur zur Salzsäule erstarrt. Nicht das ich es als eklig empfand, es war einfach nur seltsam für mich.

Eines Tages waren die beiden mal wieder schwer verliebt. Bussi hier, Drücker da und Händchen halten. In der Mittagspause erreichte diese Liebe dann ihren Höhepunkt. Die beiden knutschten so wild das sich die Gebisse lockerten und aneinander klackerten. Dies schien die beiden nicht zu stören. Dieses Geräusch war einfach… unbeschreiblich. Insgeheim habe ich nur darauf gewartet das einer von beiden die Zähne ganz verliert! Viel lustiger dabei war hinterher die Aussage von Otto: ,, So muss das. Bis die Gebisse krachen!“

Die Liebe…hach…wie schön muss die Liebe im Alter sein ❤

 

Ich hoffe diese kleinen Anekdoten haben Euch gefallen. Ich habe die Arbeit in der Tagespflege wirklich genossen. Ich würde jeder Zeit zurück gehen wenn es die Möglichkeit gäbe. Also ihr Pfleger da draußen im Raum Miltenberg und Co: Sozialpädagogin für Tagespflege und zu jeder Tat bereit. Aber nur wenn dann da auch Gebisse krachen!

 

Eure Tante Vanja

 

 

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Ein Kommentar (+deinen hinzufügen?)

  1. zarasdaylies
    Feb 13, 2018 @ 00:10:06

    Kann mich noch gut erinnern, war eine turbulente Zeit😊

    Gefällt mir

    Antwort

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