Und was mach ich mit meinem Kind?

Berufstätige Menschen tun sich schon sehr schwer mit Krankheitstagen. Das Pflichtgefühl gegenüber dem Arbeitgeber ist (oftmals krankhaft) hoch. Also schleppen wir uns auch mit Bronchitis und Fieber zum Arbeitsplatz. Indirekt wird es von unserer Gesellschaft erwartet, das Aufopfern für den Sozialstart. Und die Firma natürlich.

Was ist jetzt mit berufstätigen Eltern deren Kinder krank sind? Hier wird es viel schwieriger eine Lösung zu finden die beide Seiten zufrieden stellt. Gerade Kollegen die keine Kinder haben werden kaum verstehen warum es denn sooo kompliziert ist eine Kinderbetreuung zu finden wenn die Sprösslinge krank sind. Typische Aussagen sind:

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,, Lass doch deinen Mann/ deine Frau zuhause bleiben.“

,, Oma und Opa oder andere Verwandte sind doch dafür da.“

,, Mit dem bisschen Husten kann das Kind trotzdem in die Kita, wir gehen ja auch zur Arbeit!“

,, Das Kind ist schon wieder krank?????!!!!“

Das solche Sätze nicht nur nicht helfen, sie sind einfach unglaublich unangenehm. Für Eltern ist es extrem schwierig geworden ihr krankes Kind zu pflegen ohne Abzüge machen zu müssen. Sind alle Möglichkeiten (Anspruch auf Freistellung, vorübergehende Verhinderung, Home Office) aufgebraucht oder nicht vorhanden geht es meist an die Urlaubstage. Ich möchte Euch nun trotzdem einmal erzählen welche rechtlichen Möglichkeiten und Arbeitskonzepte es gibt um Euer krankes Kind zu betreuen.

 

Ein bekanntes Szenario?

Man ist gerade am Arbeit und plötzlich klingelt das Telefon. ,,Ihr Kind ist krank und muss abgeholt werden!“ Gestern war der Kleine noch fit, und nun fiebert er und Sie müssen ins Büro. Sie sind allein und niemand kann helfen.

Darf ich alles stehen und liegen lassen um mein Kind abzuholen und zu betreuen? Jaaaa! In §616 BGB gibt es die vorübergehende Verhinderung.  Sie erlaubt die kurzzeitige Abwesenheit von Eurer Arbeitsstelle aus unvermeidbaren und unverschuldeten persönlichen Gründen. Was wäre da unverschuldeter als ein erkranktes Kind? Auch die Notschließung der Kita oder das Fehlen einer Betreuungsperson ist ein legitimer Grund um früher zu gehen.

Die Voraussetzungen scheinen simpel, sind sie aber nicht ganz. Sie dürfen gehen wenn:

  • keine andere in Ihrem Haushalt lebende Person kann das krankes Kind während der Arbeit in diesem Sinn betreuen
  • das Kind jünger als 12 Jahre ist
  • Ausnahmen gelten nur für behinderte oder auf Hilfe angewiesene Kinder
  • Der Betreuungszeitraum darf 4 Tage nicht überschreiten ( dann ist ein Attest definitiv notwendig wenn Ihr gerne Euren Lohn weiter gezahlt haben wollt)

 

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Der Anspruch auf Freistellung nach § 45 SGB V

Alle Arbeitnehmer haben einen Anspruch auf Freistellung (und Lohnentgeltbezahlung). In § 45 SGB V steht, dass jeder Elternteil pro Kind und Kalenderjahr insgesamt 10 Tage freigestellt werden muss falls nötig. Sind mehr als 2 Kinder in der Familie vorhanden kann sich die Zahl auf maximal 25 Tage im Jahr pro Partner hochschrauben. Alleinerziehende bekommen pro Kind maximal 20 Tage, bei mehr als 2 Kindern maximal 50 Tage zugesichert.

Auch hier sind wieder Bedingungen gestellt worden:

  • das Kind ist jünger als 12 Jahre oder
  • es hat eine Behinderung und benötigt Hilfe und Pflege
  • das Kind ist gesetzlich Krankenversichert
  • die Freistellungstage sind noch nicht vollständig aufgebraucht

 

Home Office und Arbeitsstundenkonto

In Deutschland gibt es keinen gesetzlichen Rechtsanspruch auf Home-Office, aber es können in einer Zusatzvereinbarung zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer Regelungen dafür geschlossen werden. Je nach Modell arbeitet man komplett von Zuhause aus oder pendelt zwischen Arbeitsplatz und Home Office hin und her. Wenn die Geschäftsleitung mitmacht und alle notwendigen Voraussetzungen erfüllt sind (z.B. ständige Erreichbarkeit in den Kernarbeitszeiten, sichere Datenverarbeitung usw.) dürfte dem Home Office nur wenig entgegenstehen. Natürlich müsst Ihr in einem Beruf arbeiten der Home Office zulässt. Und beliebig die Home Office Zeiten wechseln kommt auch nicht so gut an.

Auf dem Arbeitszeitkonto werden Eure Arbeitsstunden, Eure tatsächliche Arbeitszeit und die vereinbarte Arbeitszeit verbucht. Im Prinzip funktioniert es so. Arbeitet Ihr mehr als im Vertrag steht bekommt Ihr Plusstunden. Arbeitet Ihr weniger als vertraglich vereinbart gibt es Minusstunden. Für Eltern ist es nicht gerade einfach Plusstunden aufzubauen bzw. Minusstunden zu tilgen. Außerdem kann nicht gewährleistet werden dass man sofort seine Plusstunden aufbrauchen kann wenn Ihr Bedarf habt.

Kann schön nervig, oder? Man merkt einfach das unser Arbeitssystem eben auf Profit und Wachstum und nur sehr wenig auf Sozialverträglichkeit gepolt ist. An alle Eltern da draußen. Ich rufe jetzt zu etwas total unpädagogischen auf!!!! Werden Euch Steine wegen Euren Kindern in den Weg geworfen, dann werft sie zurück. Sind all eure Möglichkeiten aufgebraucht dann lasst EUCH krankschreiben und bleibt daheim.

Ich habe selbst keine Kinder, finde es aber unmöglich dass Eltern so wenig Schutz in der Arbeitswelt genießen. Besonders die Hater welche noch nie in der Situation waren ein krankes Kind betreuen zu müssen sollten mal darüber nachdenken wie es wäre in genau dieser zu sein.

 

 

Negierender Erziehungsstil: Mein Kind? Ja, das ist ein Mädchen glaube ich.

Hallo Ihr Lieben und Willkommen zu meine Blogreihe der Erziehungsstile. Ich werde hier versuchen alle gängigen bzw. immer noch vorhandenen Erziehungsstile so einfach wie möglich zu erklären.

Das Thema Erziehung ist immer, aber wirklich auch immer, ein heißes Eisen. Jeder Mensch hat eine eigene Vorstellung wie er/sie seine Kinder später mal aufwachsen lassen möchte. Meist kann man davon ausgehen das viele sagen : ,, Ich möchte mein Kind genau so erziehen wie meine Eltern mich erzogen haben!“ oder die andere Seite kontert: ,, Ich werde mein Kind niemals so erziehen wie ich erzogen wurde.“ Fakt ist, dass unsere eigene Erziehung einen erheblichen Einfluss auf die nachkommenden Generationen hat.

Starten möchte ich heute mit der härtesten Gangart, das absolute und totale (meist emotionale) Vernachlässigen eines Kindes.

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Negierende Erziehung ist die gleichgültige Grundhalt der Eltern gegenüber des Kindes.  Sie zeigen oftmals keinerlei Interesse oder Gefühle gegenüber ihrem Kind.  Die emotionale und soziale Entwicklung des Kindes wird, wenn überhaupt, von seinem sekundären Umfeld ( KiTa, Schule, eventuell weiter entfernte Familienmitglieder) gestaltet. Negierte Kinder erfahren weder Grenzen noch Bestätigung von ihren Bezugspersonen. Körperlich werden sie teilweise noch versorgt mit Nahrung, Kleidung und einem Platz zum schlafen. Alles andere wird den Kindern verweigert.

Eltern die solch einen Erziehungsstil leben sind oft selbst in ihrer Kindheit Vernachlässigt worden. Ihnen fehlt die Empathie und das Verständnis die Bedürfnisse eines Kindes richtig zu deuten. Auch Eltern mit ernsthaften gesundheitlichen Problemen neigen zur Vernachlässigung. Hier die deutlichsten Merkmale eines negierenden Erziehungsstils:

  • Es wird, auch in Anwesenheit von anderen Personen, keinerlei Interesse an dem Kind gezeigt
  • Eltern verhalten sich passiv, das heißt, sie gehen nicht von sich aus auf das Kind ein
  • Es werden keinerlei Regeln und Grenzen gesetzt
  • Der Versuch des Kindes Aufmerksamkeit zu bekommen wird vollkommen ignoriert

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Kinder welche solch einem Erziehungsstil ausgesetzt sind entwickeln sich sowohl körperlich als auch seelisch und geistig langsam/schlecht.  Weder kennen sie das Gefühl von den Eltern Geborgenheit und Schutz zu bekommen noch können sie selbst adäquat mit ihren Gefühlen umgehen. Aufgrund der fehlenden Bestätigung und Lob können die Kinder selten ein positives Selbstbild von sich aufbauen: das Selbstbewusstsein entwickelt sich m, wenn überhaupt, nur schleppend.

Es fällt ihnen extrem schwer eine stabile und positive Bindung zu anderen Mitmenschen aufzubauen. Aufgrund der Vernachlässigung stauen sich meist auch Gefühle wie Wut, Verzweiflung oder Angst an. Da sie meist nicht gelernt haben mit diesen negativen Gefühlen umzugehen, können diese sich in extreme Wutanfälle, Selbstverletzung, Aggressivität, Depression und im Jugendalter sogar in Substanzmissbrauch ausarten. Das totale Verstummen und in sich zurück ziehen ist eine weitere logische Reaktion auf eine abweisende Umwelt.

Hier ist es angebracht in Kontakt mit der Familie zu treten um herauszufinden warum so eine Vernachlässigung stattfinden konnte. Gleichzeitig ist eine Meldung beim Jugendamt notwendig, um dem Kind ggf. schnell helfen zu können.  Bei einem Hilfeplangespräch kommen alle Parteien zusammen und es wird nach einer praktikablen Lösung gesucht. In der Regel werden hier Familienhilfen, Aufenthalt in Eltern-Kind-Heimen und psychologische Hilfen angeboten. Falls die Eltern an ihrer Erziehung nichts ändern kann das Jugendamt das Kind in Obhut nehmen. Denn dann ist die seelische und geistige Gesundheit des Kindes gefährdet.

 

Das war jetzt harte Kost, ich weiß. Von ca. 24.000 beim Jugendamt gemeldeten Fällen sind ca. 11,6% aufgrund eines negierenden Erziehungsstils eingegangen.  Ich möchte nicht wissen wie hoch die Dunkelziffer ist. Auf http://www.destatis.de können noch andere Zahlen zum Thema Kindesgefährdung nachgelesen werden.

Wenn Ihr noch weitere Fragen zu diesem Thema habt oder noch mehr zum Thema Kindeswohlgefährdung wissen wollt, schreibt mir einfach ein Kommentar. Ich werde gerne Versuchen Eure Fragen zu beantworten.

Morgen widme ich mich dem autokratischen Erziehungsstil.

 

Tante Vanja sagt: Nahrung und Kleidung reicht nicht aus um Kinderseelen wachsen zu lassen.

Stimming bei neurotypischen Menschen? Nicht nur für Menschen mit Autismus beruhigend.

Der Titel klingt komisch, oder? Ich finde schon. Aber das ist ja jetzt auch egal. Heute hatte ich so eine kleine Erleuchtung, und denke diese sollte ich teilen. Dieser Beitrag ist für alle die denken dass sie ,, einen an der Waffel“ haben weil sie komische Geräusche machen, mit den Händen wackeln und ,,grundlos“ klatschen. Ihr seid nicht verrückt, Ihr praktiziert ,, Stimming“.

In den letzten Tagen habe ich mich wieder verstärkt mit dem Thema Autismus auseinandergesetzt. Im Moment verfolge ich gerne den Blog einer Familie in der USA. Ihre Tochter hat Autismus und sie zeigen sozusagen ihren ganz normalen Alltag.

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Abby ( so heißt die flotte junge Dame) ist nonverbal und kommuniziert mit einer auf sie angepasste gebärdenunterstützten Kommunikation (GUK).  Wer sich die Videos gerne mal anschauen möchte, ich verlinke eins davon! https://www.youtube.com/watch?v=fBW6Rnazl_Q

Ich habe also die letzte Zeit diese Videos verfolgt und Abby bei ihren Stimmings zugeschaut. Das machen Menschen mit Autismus oft um sich selbst zu beruhigen, um Aufmerksamkeit zu bekommen, sich wieder zu fühlen oder stress abzubauen. Manchmal natürlich auch um sich selbst zu beschäftigen.

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Viele Bewegungen und Geräusche die Abby macht machte ich auch. Nein, ich bin nicht im Spektrum. Ja, ich bin soweit ich weiß ein neurotypisch entwickelter Menschen. Aber ich kann total verstehen warum Menschen mit Autismus stimmen.

Unter der Woche arbeite ich in einer Umgebung die viel Selbstkontrolle und sowohl physische als auch mentale Stärke verlangt. Man ist quasi immer unter Spannung. Ab Freitag nachmittags fühle ich das diese Spannung langsam nachlässt. Das ist irgendwie der Startschuss für mein Hirn: ausspannen!!!! Nun, viele stellen sich darunter Sofa surfen, lesen etc. vor. Für mich beginnt das Wochenende oft anders 😉 Ich weiß nicht wie mein Freund das alles aushält, aber ich kann nichts dagegen tun.  Ich erzähl Euch also nun von meinen Weekend stimms. Einige davon ,,rutschen“ mir auch auf Arbeit heraus, aber meist nur wenn ich mich stark konzentrieren muss.

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Hand Flop

Einer meiner Lieblinge.  Lasst die Hände locker hängen. Und dann in kurzen Abständen kräftig schütteln. Egal in welche Richtung.

Special Hand Clap

Klatschen, aber nur der Teil unterhalb der Finger darf sich berühren.  Das ist weniger laut und tut ehrlich gesagt auch nicht so weh auf Dauer.

Hand Clap

5-6 mal schnell in die Hände klatschen. Aber nicht mehr!

Roll inn

Ich geb zu, das merk ich gar nicht mehr wenn ich den mache. Das mach ich auch auf Arbeit und wurde schon manchmal darauf angesprochen.  Man rollt die Hände mit der Handfläche nach innen hin zum Körper. Dann den Arm komplett an den Körper ziehen. Das mach ich oft wenn ich vorm PC sitze und mich konzentriere.

Knurren und lautieren

Die Geräusche sind für mich echt befreiend. Man kann sie nicht beschreiben. Häufig hört es sich an wie ,, Iii Iiii Iiiiii“ oder ein Brummen? Jedenfalls beruhigt es mich und sorgt dafür das mein Gedankenkarussel langsamer läuft.

 

Das mag für viele von Euch jetzt total komisch klingen.  Aber es ist tatsächlich auch für neurotypische Menschen absolut normal Stereotypen nachzugehen. Manche nennen es ,, Tick“ oder einfach eine Angewohnheit: z.B.  Selbstgespräche führen, Stifte sortieren und klickern, mit den Füßen wippen oder Finger langziehen. Das alles tun wir um uns besser zu fühlen oder zu konzentrieren. Beobachtet es mal selbst. Ihr werdet erstaunt sein wie viel Stimming Ihr betreibt. Ich bin Abby jedenfalls dankbar. Ich fühl mich jetzt weniger komisch mit meinen ,, Angewohnheiten“.  Und ich mach mir jetzt weniger Gedanken darüber was mein erweitertes Umfeld davon denkt.

Ach ja, auch kleine Kinder stimmen viel. Besonders gerne das hin und herwackeln beim sitzen. Oder die Hand Flops. Das drückt nicht nur Freude aus sondern gibt auch neue Energie!

 

Tante Vanja sagt: Stimming ist wie erzählen nur mit dem ganzen Körper.